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"Journalismus heißt, etwas zu drucken, von dem jemand will, dass es nicht gedruckt wird. Alles andere ist Public Relations."
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Ulrich Simons

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Fotojournalist (seit 1976)
Redakteur (1987 bis 2019)
Letzter Blogger vor der Grenze (ab 2019)

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Hinterachsträger

Lebensgefährlich. Der durchgerostete Hinterachsträger nach dem Ausbau in der Eschweiler Mercedes-Benz Niederlassung Zittel. Die Firma Faensen in Aachen hatte den Schaden nicht erkannt und für 1174,66 Euro die beiden vorderen Querlenker ausgetauscht. Danach wurde es nur noch schlimmer.
Zur Erläuterung: Das Teil liegt "auf dem Rücken". Im eingebauten Zustand weisen die beiden weißen Pfeile nach oben. Der Rost hatte sich also nach unten durchgefressen. // Foto: Ulrich Simons

 

23. Juni 2026

Hinterachse vom Rost zerfressen
- und die Werkstatt merkt es nicht

„Aus bisher unbekannter Ursache …“ heißt es häufig im Polizeibericht, wenn auf den ersten und auch auf den zweiten Blick nicht ersichtlich ist, welche Umstände zu einem Unfall geführt haben. Dann schlägt die Stunde der Unfallermittler, die aus den Spuren und Trümmern am Unfallort zusammenpuzzeln müssen, wie es zu dem Ereignis kommen konnte.

Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass ich kürzlich nur mit viel Glück an einem solchen „Unfall mit unbekannter Ursache“ vorbeigeschrammt bin.

 

Der Wagen zieht beim Bremsen plötzlich nach rechts

Mittwoch, 03. Juni 2026. Das Ende kommt plötzlich und unerwartet. Gelbes Warnblinklicht, rote Bremsleuchten über drei Spuren – weiter vorne steht alles.

Wir sind auf der niederländischen A2 auf dem Weg zurück von Texel nach Aachen, und vielleicht ist die Idee der Niederländer doch nicht so dumm, tagsüber die Geschwindigkeit auf ihren Autobahnen auf 100 km/h zu beschränken.

So schaffe ich es jedenfalls noch einigermaßen, unseren GLK vor dem Stauende kontrolliert zum Stehen zu bringen. „Einigermaßen“ deshalb, weil mein Mercedes plötzlich nach rechts zieht, sobald ich etwas schärfer in die Eisen steige.

Später, auf freier Strecke, probiere ich es noch ein paar Mal vorsichtig aus: Das Problem ist reproduzierbar. Der Wagen nickt beim Bremsen vorne rechts ein und zieht dann Richtung Fahrbahnrand.

Ziemlich piano schaffen wir es weitgehend ungebremst irgendwie noch nach Hause.

 

Leises Knacken im Gummilager

Weil am Donnerstag Fronleichnam ist, bleibt der Wagen vorsichtshalber in der Garage. Am Freitag steht er dann früh am Morgen in der Werkstatt meines Vertrauens an Strangenhäuschen auf der Hebebühne.

Seit mehr als sieben Jahren bin ich bei Faensen Kunde, nachdem die Gewährleistung an meinem GLK abgelaufen war, und ich die Mercedes-Preise nicht mehr bezahlen wollte. Konkret: Ich brauchte damals eine neue Batterie, und die hätte bei Mercedes das Doppelte gekostet.

Der Servicetechniker von Faensen hat das Problem schnell ausgemacht, nachdem die Eingangsuntersuchung auf dem Bremsenprüfstand keine Unregelmäßigkeiten an den Vorderrädern erkennen ließ.

Wir stehen unter dem Auto, über uns der GLK auf der Hebebühne. „Hören Sie?“, fragt der Experte, und wackelt am rechten Vorderrad, das neben uns in der Luft hängt. Es knackt leise. „Das ist der Querlenker“, zeigt er auf eine graue Strebe mit einem schwarzen Gummilager. „Verschlissen.“

Nach 13 Jahren und 130.000 Kilometern muss man wohl mit sowas rechnen.

Weil der Querlenker am Rad gegenüber genauso alt ist, scheint es sinnvoll, gleich beide zu erneuern. Das passiert am Mittwoch in der darauffolgenden Woche und macht mich um 1174,66 Euro ärmer.

 

„Irgendwas ist festgebacken“

Mercedes schreibt nach einem solchen Eingriff eine Neuvermessung des Fahrwerkes und eine Feinjustierung der Achsgeometrie (Spur und Sturz) vor. Doch es gibt Probleme.

„Wir haben hinten rechts die Spur nicht einstellen können“, eröffnet mir Serviceleiter Ralph Tauchert, als ich im Spätnachmittag den Wagen abhole. „Da ist irgendwas festgebacken.“

Ein entsprechender Vermerk findet sich auch auf der Rechnung: „Hinweis: Hinterachse ist rechts nicht einstellbar/Festhängende Lenker.“

Und jetzt? Für sowas hatten wir früher Caramba und für leichtere Fälle Coca Cola.
Das kann ja wohl nicht das letzte Wort sein.

 

Achvermseeungsprotokoll Faensen

Alles wieder gut? Der Vorher-/Nachher-Vergleich im Achsvermessungsprotokoll der Firma Faensen vom 10. Juni weist immer noch auffallend viele rot markierte Felder auf. Den Farbcode kenne ich noch aus meiner Schulzeit: Rot verhieß nie etwas Gutes. Trotzdem wurde mir der Wagen im Austausch gegen 1174,66 Euro als "repariert" übergeben.// Foto: Ulrich Simons

 

Es ist kurz vor 17 Uhr, die Werkstatt hat bereits Feierabend, und so werde ich mit der Empfehlung „das mal im Auge zu behalten“ freundlich verabschiedet. Sorgen müsse ich mir keine machen, ich solle nur auf ungleichmäßigen Verschleiß an beiden Hinterreifen achten.

„Kann ich denn trotzdem mit dem Wagen am Samstag auf die Autobahn nach Cadzand?“ frage ich sicherheitshalber nach. Der Meister hat keine Bedenken.

Die Freude ist von kurzer Dauer. Ich bin ein großer Fan des CHIO, aber das geht mir mit der künstlichen Intelligenz dann doch ein bisschen zu weit: Bereits nach wenigen Hundert Metern, auf der Krefelder Straße, zieht der Wagen ständig nach rechts in Richtung Reitstadion. Und das neuerdings nicht nur beim Bremsen, sondern jetzt auch beim Fahren.

1174,66 Euro ausgegeben für nix? Fehldiagnose? Hatten die vorderen Querlenker vielleicht überhaupt nichts mit der Sache zu tun? Es ist schlimmer als vorher.

 

Haben sie überhaupt eine Probefahrt gemacht?

Einen Tag später sitze ich frühmorgens wieder bei Faensen an Strangenhäuschen, wo Serviceleiter Ralph Tauchert versichert, selbstverständlich habe ein Mitarbeiter nach der Reparatur am Vortag noch eine Probefahrt unternommen.

Auf die Frage, weshalb diesem dann nicht das seltsame Verhalten des Fahrzeuges aufgefallen sei, hat der Meister allerdings keine plausible Antwort, murmelt etwas von „neuem Achsenprüfstand“ und schlägt vor, den Wagen bei Reifenhändler Büscher an der Jülicher Straße nochmals vermessen zu lassen.

Mittags meldet sich der Mann vom Faensen-Fahrdienst. Er habe mein Auto bei Büscher abgeholt, der Wagen stehe wieder an Strangenhäuschen, aber Meister Tauchert „müsse noch etwas mit mir besprechen“. Im Übrigen ziehe der Wagen immer noch deutlich nach rechts; er habe ständig gegenlenken müssen.

Und das soll am Vortag bei der angeblichen Probefahrt niemandem von den Profis aufgefallen sein, wenn es jetzt schon ein Laie bemerkt? Es wird immer abenteuerlicher.

Dem Meister ist die Angelegenheit sichtlich unangenehm: Denn Büscher hat bei der Achsvermessung festgestellt, dass die Hinterachse zumindest auf einer Seite ziemlich besorgniserregend durchgerostet ist. Später stellt sich heraus, dass der Schaden beide Seiten betrifft.

Warum hat das bei der gleichen Prozedur am Vortag niemand im Hause Faensen gesehen?

 

Achsvermessungsprotokoll Büscher

Gleicher Vorgang, völlig anderes Ergebnis. Erst die Firma Reifen Büscher an der Jülicher Straße bemerkt bei der zweiten Achsvermessung, dass die Hinterachse massive Schäden aufweist, und vermerkt das handschriftlich auf dem Vermessungsprotokoll. Eigentlich hätte man spätestens an dieser Stelle mit dem Auto nicht mehr fahren dürfen. // Foto: Ulrich Simons

 

Der rostende Hinterachsträger ist bei Mercedes bekannt

Ich google mal ein bisschen vor mich hin und erfahre in einschlägigen Internet-Foren, dass der rostende Hinterachsträger bei der Mercedes-Baureihe X204 (das ist der von Herbst 2008 bis Mitte 2015 gebaute GLK) derart häufig vorkommt, dass die Stuttgarter die Reparatur auch bei älteren Modellen auf Kulanz vornehmen, selbst dann, wenn diese nicht lückenlos Scheckheft-gepflegt sind.

Im Internet heißt es zu der Rostproblematik u.a.: „Betroffen sind ältere Baujahre. Im schlimmsten Fall kann die Achse durchrosten und brechen. Wenn das Metall bricht, ist die Sicherheit im Straßenverkehr extrem gefährdet. Oft zeigt sich das Problem bei der Hauptuntersuchung.“

Die letzte war bei meinem GLK im November 2025. Doch im Prüfbericht des TÜV findet sich keinerlei Hinweis darauf, was sich da an der Hinterachse zusammenbraut. Dabei hätte ich erwartet, dass der TÜV bei einem 12 Jahre alten Auto besonders genau an den Stellen hinschaut, die bekanntermaßen Probleme machen.

 

TÜV-Bericht

Wie läuft eigentlich so eine Hauptuntersuchung ab, wenn der Herr Jansky vom TÜV-SÜD ins Haus kommt? Im November 2025 war mein GLK noch "ohne festgestellte Mängel". Ziemlich unwahrscheinlich, dass sich der Rost innerhalb von wenigen Monaten derart massiv durch den Hinterachsträger gefressen hat. Aber Hauptsache, der Verbandskasten ist noch nicht abgelaufen. Wahrscheinlich muss man das Prüfergebnis so verstehen: "ohne festgestellte Mängel" bedeutet nicht, dass das Fahrzeug mängelfrei ist. Der Prüfer hat sie nur nicht gesehen. // Foto: Ulrich Simons

 

Spannende Werkstatt-Szenen auf YouTube

Auf Youtube gibt es ein spannendes Video der „Autodoktoren“ mit einem Daimler, der offensichtlich das gleiche Problem hat wie meiner. Wenn man den scharf abbremst, bricht das rechte Hinterrad regelrecht aus der Spur aus.

Das Video finden Sie hier. Die Mercedes-Sequenz startet bei Minute 07:57, Detailaufnahmen vom versetzenden Reifen ab 09:20, die rostige Ursache, die bei Faensen niemand erkannt hat, findet sich ab 12:25.

Zitat der Autodoktoren: „Die rosten von innen nach außen. Da ist ganz viel Dreck und Erde drin, die ist natürlich feucht, und das Feuchte sorgt dafür, dass der Stahl von innen nach außen durchrostet. Brandgefährlich würde ich sagen.“

 

"Ein durchgerosteter Hinterachsträger ist ein extrem gefährliches Sicherheitsrisiko im Fahrbetrieb. Wenn das Bauteil bricht, verliert das Auto die Kontrolle. Das Hinterrad kann sich unkontrolliert verdrehen oder einknicken. Das führt bei jedem Tempo zu schweren Unfällen. Fahren Sie mit diesem Schaden nicht mehr!" // Quelle: forum.mercedesclub.de

 

Dass Mercedes bzw. das Kraftfahrt-Bundesamt den bekannten Materialfehler bisher nicht zum Gegenstand einer allgemeinen Rückrufaktion gemacht haben, um wenigstens den Zustand der Hinterachse zu prüfen, ist nicht nachvollziehbar. Schließlich handelt es sich um ein sicherheitsrelevantes Bauteil, und nicht etwa um ein undichtes Schiebedach.

Meister Ralph Tauchert von Faensen empfiehlt für die weitere Behandlung die Firma Mercedes Zittel in Eschweiler, und so krieche ich mit maximal 80 km/h über die A4 Richtung Indestadt und hoffe, dass ich nicht bremsen muss.

 

Ein Empfang wie aus dem Bilderbuch

Die Autobahnabfahrt führt praktischerweise geradewegs aufs Firmengelände. Was dann folgt, übertrifft so ziemlich alle Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren in Autowerkstätten mit dem Stern gemacht habe.

Werkstattleiter Dieter Heck ist nach wenigen Minuten zur Stelle. Bis dahin hatte man mir schon zweimal einen Kaffee angeboten. Da fehlte eigentlich nur noch der rote Teppich und ein Kinderchor.

Unterm GLK stehend zeigt mir der Meister das ganze Ausmaß der Misere und macht Fotos. Die Stellen, an denen die Querlenker der Hinterräder mit dem Rahmen verbunden sind, sind massiv vom Rost befallen und stellenweise regelrecht zerfressen.

Warum ist das dem TÜV bei der Hauptuntersuchung im November nicht aufgefallen?
Warum hat das bei Faensen niemand erkannt?
Und warum wurde das erst bei Büscher bemerkt?
Meister Heck kennt vermutlich die Antwort, aber er ist klug genug, sie nicht auszusprechen.

Stattdessen setzt er sich an seinen Rechner und tippt eine Weile schweigend vor sich hin.
Mit Erfolg.
Mercedes fackelt bei dem Thema offenbar nicht lange.
Keine zehn Minuten später hält er die Kulanzzusage in der Hand.
Ersparnis: mehr als 2300 Euro. Wenigstens ein Lichtblick.

 

"Nicht mal mehr nach Hause"

Ich erlaube mir zaghaft den Hinweis, dass ich mit dem Auto, unter dem wir gerade gestanden haben, am Samstag für eine Woche samt Frau und Fahrrädern nach Cadzand möchte. Der Meister schüttelt den Kopf.

„Ich würde mit dem Wagen im jetzigen Zustand nicht mal mehr nach Hause fahren“, kassiert der freundliche Herr Heck meine Urlaubspläne. „Da kann im nächsten Schlagloch oder an der nächsten Bordsteinkante Feierabend sein. Lassen Sie ihn hier – mit etwas Glück bekommen wir ihn vor dem Wochenende noch fertig.“

Es hat leider nicht geklappt. Um mich noch dazwischenzunehmen, hatte Zittel einfach zu viele bereits fest gebuchte Termine mit anderen Kunden, aber sie haben es wenigstens mit allen Mitteln versucht. Am Ende hat den Eschweilern ein halber Tag gefehlt.

Wir sind dann mit dem Corsa meiner Frau und ohne Fahrräder an die See gefahren und dort viel am Strand spazieren gegangen. War auch schön.

Und bei jedem Schlagloch in der an Kratern nicht gerade armen belgischen Autobahn habe ich mich gefragt, wie das ausgegangen wäre, wenn mir bei 120 km/h die durchgerostete Hinterachse um die Ohren geflogen wäre.

Im Unfallbericht der belgischen Gendarmerie hätte dann vermutlich etwas von "unbekannter Ursache" gestanden.

 

Hinterachsträger

Beim nächsten Schlagloch wäre das Hinterrad vermutlich weg gewesen. Und möglicherweise nicht nur das Hinterrad. Der Träger war völlig durchgerostet. Nicht nachvollziehbar, dass davon im November, als der TÜV das Auto begutachtete, noch nichts zu sehen gewesen sein soll. // Foto: Ulrich Simons

 

Nachtrag: Am 22. Juni kann ich meinen reparierten GLK in Eschweiler bei Zittel wieder in Empfang nehmen. Der ausgebaute Hinterachsträger ist inzwischen hinter der Werkstatt in einem Altmetall-Container der Firma Wertz gelandet. Dieter Heck holt ihn freundlicherweise noch einmal für mich heraus, aber erst beim Foto wird mir das erschreckende Ausmaß des Schadens klar. Schwein gehabt!

Dann fliegt das Schrott-Teil in hohem Bogen endgültig in den Container, wo es scheppernd auf einem - grob übern Daumen - knappen Dutzend verrosteter Hinterachsträger gleicher Bauart landet, die Zittel in den vergangenen Wochen ausgetauscht hat ...

 

 

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© Ulrich Simons
Redakteur (1987-2019) - Fotojournalist - Blogger

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