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Es ist kurz vor 17 Uhr, die Werkstatt hat bereits Feierabend, und so werde ich mit der Empfehlung „das mal im Auge zu behalten“ freundlich verabschiedet. Sorgen müsse ich mir keine machen, ich solle nur auf ungleichmäßigen Verschleiß an beiden Hinterreifen achten. „Kann ich denn trotzdem mit dem Wagen am Samstag auf die Autobahn nach Cadzand?“ frage ich sicherheitshalber nach. Der Meister hat keine Bedenken. Die Freude ist von kurzer Dauer. Ich bin ein großer Fan des CHIO, aber das geht mir mit der künstlichen Intelligenz dann doch ein bisschen zu weit: Bereits nach wenigen Hundert Metern, auf der Krefelder Straße, zieht der Wagen ständig nach rechts in Richtung Reitstadion. Und das neuerdings nicht nur beim Bremsen, sondern jetzt auch beim Fahren. 1174,66 Euro ausgegeben für nix? Fehldiagnose? Hatten die vorderen Querlenker vielleicht überhaupt nichts mit der Sache zu tun? Es ist schlimmer als vorher.
Haben sie überhaupt eine Probefahrt gemacht? Einen Tag später sitze ich frühmorgens wieder bei Faensen an Strangenhäuschen, wo Serviceleiter Ralph Tauchert versichert, selbstverständlich habe ein Mitarbeiter nach der Reparatur am Vortag noch eine Probefahrt unternommen. Auf die Frage, weshalb diesem dann nicht das seltsame Verhalten des Fahrzeuges aufgefallen sei, hat der Meister allerdings keine plausible Antwort, murmelt etwas von „neuem Achsenprüfstand“ und schlägt vor, den Wagen bei Reifenhändler Büscher an der Jülicher Straße nochmals vermessen zu lassen. Mittags meldet sich der Mann vom Faensen-Fahrdienst. Er habe mein Auto bei Büscher abgeholt, der Wagen stehe wieder an Strangenhäuschen, aber Meister Tauchert „müsse noch etwas mit mir besprechen“. Im Übrigen ziehe der Wagen immer noch deutlich nach rechts; er habe ständig gegenlenken müssen. Und das soll am Vortag bei der angeblichen Probefahrt niemandem von den Profis aufgefallen sein, wenn es jetzt schon ein Laie bemerkt? Es wird immer abenteuerlicher. Dem Meister ist die Angelegenheit sichtlich unangenehm: Denn Büscher hat bei der Achsvermessung festgestellt, dass die Hinterachse zumindest auf einer Seite ziemlich besorgniserregend durchgerostet ist. Später stellt sich heraus, dass der Schaden beide Seiten betrifft. Warum hat das bei der gleichen Prozedur am Vortag niemand im Hause Faensen gesehen?
Der rostende Hinterachsträger ist bei Mercedes bekannt Ich google mal ein bisschen vor mich hin und erfahre in einschlägigen Internet-Foren, dass der rostende Hinterachsträger bei der Mercedes-Baureihe X204 (das ist der von Herbst 2008 bis Mitte 2015 gebaute GLK) derart häufig vorkommt, dass die Stuttgarter die Reparatur auch bei älteren Modellen auf Kulanz vornehmen, selbst dann, wenn diese nicht lückenlos Scheckheft-gepflegt sind. Im Internet heißt es zu der Rostproblematik u.a.: „Betroffen sind ältere Baujahre. Im schlimmsten Fall kann die Achse durchrosten und brechen. Wenn das Metall bricht, ist die Sicherheit im Straßenverkehr extrem gefährdet. Oft zeigt sich das Problem bei der Hauptuntersuchung.“ Die letzte war bei meinem GLK im November 2025. Doch im Prüfbericht des TÜV findet sich keinerlei Hinweis darauf, was sich da an der Hinterachse zusammenbraut. Dabei hätte ich erwartet, dass der TÜV bei einem 12 Jahre alten Auto besonders genau an den Stellen hinschaut, die bekanntermaßen Probleme machen.
Wie läuft eigentlich so eine Hauptuntersuchung ab, wenn der Herr Jansky vom TÜV-SÜD ins Haus kommt? Im November 2025 war mein GLK noch "ohne festgestellte Mängel". Ziemlich unwahrscheinlich, dass sich der Rost innerhalb von wenigen Monaten derart massiv durch den Hinterachsträger gefressen hat. Aber Hauptsache, der Verbandskasten ist noch nicht abgelaufen. Wahrscheinlich muss man das Prüfergebnis so verstehen: "ohne festgestellte Mängel" bedeutet nicht, dass das Fahrzeug mängelfrei ist. Der Prüfer hat sie nur nicht gesehen. // Foto: Ulrich Simons
Spannende Werkstatt-Szenen auf YouTube Auf Youtube gibt es ein spannendes Video der „Autodoktoren“ mit einem Daimler, der offensichtlich das gleiche Problem hat wie meiner. Wenn man den scharf abbremst, bricht das rechte Hinterrad regelrecht aus der Spur aus. Das Video finden Sie hier. Die Mercedes-Sequenz startet bei Minute 07:57, Detailaufnahmen vom versetzenden Reifen ab 09:20, die rostige Ursache, die bei Faensen niemand erkannt hat, findet sich ab 12:25. Zitat der Autodoktoren: „Die rosten von innen nach außen. Da ist ganz viel Dreck und Erde drin, die ist natürlich feucht, und das Feuchte sorgt dafür, dass der Stahl von innen nach außen durchrostet. Brandgefährlich würde ich sagen.“
Dass Mercedes bzw. das Kraftfahrt-Bundesamt den bekannten Materialfehler bisher nicht zum Gegenstand einer allgemeinen Rückrufaktion gemacht haben, um wenigstens den Zustand der Hinterachse zu prüfen, ist nicht nachvollziehbar. Schließlich handelt es sich um ein sicherheitsrelevantes Bauteil, und nicht etwa um ein undichtes Schiebedach. Meister Ralph Tauchert von Faensen empfiehlt für die weitere Behandlung die Firma Mercedes Zittel in Eschweiler, und so krieche ich mit maximal 80 km/h über die A4 Richtung Indestadt und hoffe, dass ich nicht bremsen muss.
Ein Empfang wie aus dem Bilderbuch Die Autobahnabfahrt führt praktischerweise geradewegs aufs Firmengelände. Was dann folgt, übertrifft so ziemlich alle Erfahrungen, die ich in den letzten Jahren in Autowerkstätten mit dem Stern gemacht habe. Werkstattleiter Dieter Heck ist nach wenigen Minuten zur Stelle. Bis dahin hatte man mir schon zweimal einen Kaffee angeboten. Da fehlte eigentlich nur noch der rote Teppich und ein Kinderchor. Unterm GLK stehend zeigt mir der Meister das ganze Ausmaß der Misere und macht Fotos. Die Stellen, an denen die Querlenker der Hinterräder mit dem Rahmen verbunden sind, sind massiv vom Rost befallen und stellenweise regelrecht zerfressen. Warum ist das dem TÜV bei der Hauptuntersuchung im November nicht aufgefallen? Stattdessen setzt er sich an seinen Rechner und tippt eine Weile schweigend vor sich hin.
"Nicht mal mehr nach Hause" Ich erlaube mir zaghaft den Hinweis, dass ich mit dem Auto, unter dem wir gerade gestanden haben, am Samstag für eine Woche samt Frau und Fahrrädern nach Cadzand möchte. Der Meister schüttelt den Kopf. „Ich würde mit dem Wagen im jetzigen Zustand nicht mal mehr nach Hause fahren“, kassiert der freundliche Herr Heck meine Urlaubspläne. „Da kann im nächsten Schlagloch oder an der nächsten Bordsteinkante Feierabend sein. Lassen Sie ihn hier – mit etwas Glück bekommen wir ihn vor dem Wochenende noch fertig.“ Es hat leider nicht geklappt. Um mich noch dazwischenzunehmen, hatte Zittel einfach zu viele bereits fest gebuchte Termine mit anderen Kunden, aber sie haben es wenigstens mit allen Mitteln versucht. Am Ende hat den Eschweilern ein halber Tag gefehlt. Wir sind dann mit dem Corsa meiner Frau und ohne Fahrräder an die See gefahren und dort viel am Strand spazieren gegangen. War auch schön. Und bei jedem Schlagloch in der an Kratern nicht gerade armen belgischen Autobahn habe ich mich gefragt, wie das ausgegangen wäre, wenn mir bei 120 km/h die durchgerostete Hinterachse um die Ohren geflogen wäre. Im Unfallbericht der belgischen Gendarmerie hätte dann vermutlich etwas von "unbekannter Ursache" gestanden.
Nachtrag: Am 22. Juni kann ich meinen reparierten GLK in Eschweiler bei Zittel wieder in Empfang nehmen. Der ausgebaute Hinterachsträger ist inzwischen hinter der Werkstatt in einem Altmetall-Container der Firma Wertz gelandet. Dieter Heck holt ihn freundlicherweise noch einmal für mich heraus, aber erst beim Foto wird mir das erschreckende Ausmaß des Schadens klar. Schwein gehabt! Dann fliegt das Schrott-Teil in hohem Bogen endgültig in den Container, wo es scheppernd auf einem - grob übern Daumen - knappen Dutzend verrosteter Hinterachsträger gleicher Bauart landet, die Zittel in den vergangenen Wochen ausgetauscht hat ...
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