Uli Simons - spacer15
Uli Simons - spacer15 spacer 30  
Ulis Nachschlag
Reportagen, Hintergrundberichte, Kommentare, Glossen und Klartext für Aachen-Südwest
spacer 30

Ulrich Simons

Ulrich Simons
Redakteur / Fotojournalist

spacer 30
spacer15
Inhalt
spacer 15
Aktueller Monat
 
spacer 15
spacer 15
NEU Fundsachen
spacer 15
spacer 30
spacer 15
Logo Xing
spacer 15
spacer 30
spacer 15

Datenschutz

Copyright/Impressum

HOME

eMail senden

spacer 15
spacer 30
spacer 15

Herzlichen Dank für Ihr Interesse.
Sie sind Besucher Nummer

Besucherzaehler

seit dem 03. September 2019

spacer 15
spacer 30
spacer 15

Mit freundlicher Unterstützung

Logo Bäckerei Mannebach

spacer 15
spacer 30
spacer 15

Web-Tipp

Buschtunnel Aachen-Ronheide

www.buschtunnel.de

Bester Internet-Beitrag
des Jahres 2007 im
DB-Journalistenwettbewerb

spacer 15
spacer 30
spacer 15

Web-Tipp

Ulrich Simons - Alpentrio

www.simages.de

Unfassbare Bilder
aus 30 Jahren

spacer 15

Ulrich Simons - Tankwart Klaus Umlauf

Schluss. Aus. Feierabend. Rente. Unvorstellbar. Klaus Umlauf hat am 31. Januar seinen letzten Arbeitstag. Mehr als 48 Jahre lang hat er als Tankwart gearbeitet, seit 1982 an der ESSO-Tankstelle an der Lütticher Straße. Viele werden ihn vermissen. // Foto: Ulrich Simons

 

25. Januar 2020

"Ich hab immer Spaß gehabt!"
Der Klaus von ESSO geht in Rente

Der 2. August 1971 ist ein Montag. Tags zuvor haben die Sommerferien in Baden-Württemberg und in Niedersachsen begonnen, und auf den bundesdeutschen Autobahnen hat es die längsten Staus des Jahres gegeben. Der Schotte Jackie Stewart hat in einem Tyrrell 003 auf dem Nürburgring mit großem Vorsprung den 33. “Großen Preis von Deutschland” gewonnen (im gleichen Jahr wird er Formel-1-Weltmeister), in Rom ist Paul VI. Papst, und Willy Brandt (SPD) ist Bundeskanzler.

Am Morgen dieses in der Rückschau ziemlich unauffälligen* 2. August, an dem die Temperaturen in Aachen bis auf 26 Grad klettern werden, meldet sich an der ESSO-Tankstelle von Peter Schumacher an der Krefelder Straße ein 15-jähriger autoverrückter Junge aus Baesweiler zum Arbeitsantritt.

* Unauffällig war der Tag nur auf der Erde. Auf dem Mond bereiteten sich zur gleichen Zeit Dave Scott und Jim Irwin von Apollo 15 für die Rückkehr zum Mutterschiff vor, in dem Alfred Worden den Mond umkreiste. Scott und Irwin waren die ersten Menschen, die auf dem Mond Auto gefahren sind.

Die Tankstelle liegt gleich neben der Cortis-Bar, Aachens seinerzeit bekanntestem Stripteaseladen, was aber aufgrund der unterschiedlichen Arbeitszeiten aller Beteiligten auf den Gang der Dinge in dieser Geschichte keine weiteren Auswirkungen haben wird. 20 Jahre zuvor hat hier der Vater des späteren KKG-Abiturienten Hans-Jürgen Dohrenkamp, heute besser bekannt als Jürgen von der Lippe, als Barkeeper gearbeitet. Aber das nur am Rande.

Für den Jungen aus Baesweiler ist dieser Tag jedenfalls ein ganz besonderer: Es ist der erste Tag seiner dreijährigen Berufsausbildung zum Tankwart.

Am kommenden Freitag, dem 31. Januar 2020, endet die Geschichte um ziemlich genau 14 Uhr an der ESSO-Tankstelle von Herbert Schütt an der Lütticher Straße. Dazwischen liegen mehr als 48 Jahre, über die der Lehrjunge von damals, Tankwart Klaus Umlauf (63), heute rückblickend sagt: "Ich hab immer Spaß gehabt!" Schöner kann man kaum in Rente gehen, auch wenn es nun mit dem 50-jährigen Berufsjubiläum im nächsten Jahr nichts mehr wird.

 

Der Lehrer stellte den Kontakt her

Lehrer Norbert Schwedt von der Friedensschule in der Baesweiler Grabenstraße, die Klaus Umlauf damals besuchte, hatte das ganze 1971 eingefädelt. Er wohnte an der Aachener Krefelder Straße und war Kunde von Peter Schumacher. Als dieser einen Lehrling suchte, empfahl der Lehrer seinen autobegeisterten Schüler.

Es wird eine Erfolgsgeschichte. Klaus Umlauf und Peter Schumacher bleiben zusammen, bis Schumacher 1991 in den Ruhestand geht und seine Tankstelle, inzwischen an der Lütticher Straße, seinem Schwiegersohn Herbert Schütt übergibt. Der behält Klaus Umlauf gleich da.

In der Berufsschule am Blücherplatz sitzt der Klaus, jüngstes von fünf Kindern, Anfang der 1970er Jahre oben unterm Dach inmitten von 40 Gleichaltrigen mit dem selben Berufsziel.

In seiner Heimatstadt Baesweiler gibt es zu dieser Zeit ein halbes Dutzend Tankstellen, in der Stadt Aachen sind es laut Adressbuch 1976/77 stolze 107. Übrig geblieben sind davon heute laut Industrie- und Handelskammer (IHK) 35.

 

Nur noch drei in Ausbildung

Auch der Beruf des Tankwarts scheint erheblich ein Attraktivität eingebüßt zu haben: Im gesamten Kammerbezirk sind nach Auskunft von IHK-Sprecher Christoph Claßen derzeit nur noch drei angehende Tankwarte in der Ausbildung. Verdienst im ersten Ausbildungsjahr laut Arbeitsagentur: zwischen 330 und 480 Euro.

 

Klaus Umlauf - Jülicher Straße

Drei Lehrjahre, zwei Ausbildungsstellen: Tankwart-Azubi Klaus Umlauf (Mitte) Anfang der 1970er Jahre an seiner zweiten Station Ecke Jülicher-/Ottostraße. // Foto: privat

Der junge Klaus Umlauf hat am Ende seines ersten Ausbildungsmonats 150 Mark in der Tasche, nach heutigen Maßstäben 76,70 Euro. Allerdings kostet der Liter „Normal“ bei ESSO an der Krefelder Straße auch nur 46,9 Pfennig, umgerechnet 24 Cent.

Das neue Leben an der Tankstelle ist spannend. Und das beginnt schon mit der Anreise. Zwischen Baesweiler und Aachen fährt der O-Bus (das "O" steht für "Oberleitung"), ein etwas unflexibler Vorbote der Elektromobilität.

Unflexibel deshalb, weil sein Aktionsradius auf die Länge seiner Stromabnehmer begrenzt ist, die in der 600-Volt-Oberleitung über der Straße eingehängt sind. Dafür hat er keine Batterien an Bord, ist also viel leichter als heutige Elektrobusse der Aseag. Das ist nicht immer von Vorteil.

Vor allem im Winter, der damals noch ein richtiger war, sei die Fahrt mit dem "Stromlutscher" oft ein großes Abenteuer gewesen, erinnert sich Klaus Umlauf. Mehr als einmal sei der Gelenkbus im Anstieg von Alsdorf nach Würselen im Schnee steckengeblieben. "Dann mussten alle den Nachläufer hinter der Ziehharmonika verlassen und draußen zum Schieben antreten."

 

Fette Autos, gigantische Verbräuche und Benzin im Gesicht

An der Krefelder Straße lernt der Klaus in den kommenden Wochen und Monaten, was ein Tankwart wissen und können muss: Das Betanken mit der richtigen Kraftstoff-Sorte gehört ebenso dazu wie das Abschmieren, der Wechsel von Motor- und Getriebeöl, die Kontrolle von Kühler, Scheibenwaschanlage und Reifenluftdruck und der Reifenwechsel im Frühjahr und im Herbst. Das Tanken findet "mit Bedienung" statt, und auch für die im Straßenverkehr ums Leben gekommenen Mücken auf der Frontscheibe ist Klaus Umlauf zuständig.

Der junge Lehrling reist inzwischen nicht mehr mit dem O-Bus an. Zur Konfirmation hat er ein Mofa bekommen, das nach gezielten Tuning-Maßnahmen ("Ich hab erst mal Löcher in den Auspuff gebohrt.") immer noch bescheidene 25 km/h fährt, aber röhrt wie 70. Mindestens.

Auf den Straßen bestimmen VW Käfer das Bild. Opel benennt seine Autos nach Dienstgraden der Marine, und so fahren neben dem Kadett an seiner Tankstelle Kapitäne, Admirale und hin und wieder ein Commodore vor. Bei Ford heißen die großen Modelle jener Zeit Taunus, 12M, Granada oder Capri.

"Er war 15, ich 16 Jahre, als er bei uns anfing. Wir sind fast wie Bruder und Schwester aufgewachsen. Einige Feste haben wir zusammen gefeiert, erst mit meinen Eltern, später unseren Polterabend, seinen 40. Geburtstag. Wir werden ihn einfach furchtbar vermissen."

Angelika Schütt
geb. Schumacher
früher Tochter vom Chef,
heute Frau vom Chef

 

Bei den Namen bekommen Tankstellenbesitzer noch heute leuchtende Augen und Umweltschützer Schnappatmung, denn die fetten Opel-Reihensechszylinder schlucken je nach Fahrweise um die 16 Liter Super pro 100 Kilometer.

 

21 Liter Super auf 100 Kilometer

Ein ganz großer in Sachen Verbrauch ist der Opel Admiral in der V8-Version, der sich locker 21 Liter Super auf 100 Kilometer reinpfeift.

Von „Umwelt“ ist damals noch keine Rede, und der "Arbeitsschutz" wird auch erst später erfunden. Sprühöl wird ohne Atemschutzmaske vernebelt, der legendäre Teroson-Unterbodenschutz von Henkel mit Druckluft aus der Sprühpistole auf den Fahrzeug-Unterboden aufgetragen und in den Radkästen verteilt.

Hinterher ist man voller schwarzer Gesichtspunkte und sieht aus wie ein Mohnbrötchen. "Hände und Gesicht haben wir uns damals mit Benzin gewaschen", erzählt Klaus Umlauf. Nachfrage: Wenigstens mit Reinigungsbenzin? Klaus lacht. "Nee, aus der Zapfsäule."

 

Ölkrise, Hamsterkäufe und Fahrverbote

Die Ausbildung ist gerade ins letzte Jahr gestartet, da macht im Herbst 1973 das Wort von der „Ölkrise“ die Runde. Am 6. Oktober, dem höchsten israelischen Feiertag „Jom Kippur“, hatten Syrien und Ägypten überraschend Israel angegriffen.

Der Westen schlägt sich auf die Seite Israels, die arabischen OPEC-Staaten verhängen im Gegenzug ein Erdölembargo als politisches Druckmittel, um ihre Verärgerung zu demonstrieren.

Die SPD/FDP-Bundesregierung ruft daraufhin für November und Dezember 1973 vier autofreie Sonntage aus.

13 Millionen Autobesitzer müssen ihre Autos erstmals am Totensonntag, dem 25. November 1973, in der Garage lassen. Deutschland steht still.

Auch an der Ecke Jülicher-/Ottostraße, wo Pächter Peter Schumacher 1972 eine neue Tankstelle übernommen hat (heute steht dort das IBIS styles Hotel), wird es zappenduster.

Klaus Umlauf: „Wir mussten abends an der Tankstelle das Licht ausmachen, damit es aussah, als wäre niemand da. Die Kunden kamen zu Fuß mit Benzinkanistern vorbei, jeder bekam nur noch fünf Liter Sprit.“

 

Umzug ins "Paradies"

Ende 1973 hat sich der Ölpreis vervierfacht. Die fetten Spritschlucker fahren jetzt seltener vor. Bei Opel geht die Produktion des Admiral im folgenden Jahr um 90 Prozent auf 1754 Exemplare gegenüber 17.777 im Jahre 1969 zurück.

Nach zehn Jahren an der Jülicher Straße packen Peter Schumacher und Klaus Umlauf im Jahr 1982 ein weiteres Mal die Koffer und übernehmen die ESSO-Tankstelle Lütticher Straße am Franziskus-Krankenhaus.

"Es war ein Paradies im Vergleich zur Stadt", erinnert sich Klaus Umlauf. An der Jülicher Straße sei alles viel enger und lauter gewesen. Und manches auch komplizierter.

 

Klaus Umlauf

Zur Neueröffnung schaut im September 1999 auch der Markenbotschafter persönlich vorbei und lotst die Autofahrer von der Lütticher Straße auf das Tankstellengelände. // Foto: privat

Klaus Umlauf: "Vor dem Grundstück befand sich eine Bushaltestelle, und wenn der Tankwagen Nachschub brachte, haben wir die wartenden Fahrgäste weggeschickt, weil die halbe Straße aus Sicherheitsgründen abgesperrt werden musste."

 

Wandel an der Tankstelle und im Portemonnaie

Das schleichende Ende des Tankwarts alten Schlages beginnt Anfang der 1980er Jahre mit der Einführung neuer Zapfsäulen mit Quittungsausgabe. Der Kunde darf jetzt sein Auto selbstständig betanken und muss nur noch mit dem ausgedruckten Beleg aus der Zapfsäule zur Kasse.

Zwar gibt es weiterhin Tankstellen „mit Bedienung“, doch an denen ist der Sprit pro Liter um zwei bis drei Pfennige teurer. Viele Autofahrer greifen da lieber selber zur Zapfpistole.

All das wäre nicht so schlimm, würde sich nicht der Wegfall des Service auch bei Klaus Umlauf im Portemonnaie bemerkbar machen. Dass er an der Lütticher Straße nicht gerade in einem Arme-Leute-Viertel gelandet ist, merkt er vor allem, wenn Kunden ihren frisch gewaschenen Wagen abholen kommen.

"Wir kennen uns, seit ich Angelika kenne, und eigentlich schon aus der Zeit davor, als ich als Kunde mit meinem Vater zur Jülicher Straße kam. Es war immer ein familiäres, freundschaftliches Verhältnis zwischen uns. Vieles hat man einander anvertraut. Er wird mir sehr fehlen, und wir hoffen immer noch, dass er hier und da einspringt. Aber natürlich gönnen wir ihm seinen wohlverdienten Ruhestand."

Herbert Schütt
Tankstellenbetreiber
und Chef seit 1991

 

Die Höhe des monatlichen Trinkgeldes mit „ordentlich“ zu beschreiben, trifft die Sache nicht mal annähernd. Die Erinnerung an diese Jahre zaubert Klaus Umlauf auch heute noch ein Lächeln ins Gesicht: "Ich war ja auch gut!“

Kurios: Obwohl der Klaus nach eigenen Angaben von Kindesbeinen an verrückt auf alles war, was vier Räder und einen Motor hatte, kauft er sich erst 1988, mit 32 Jahren, sein erstes eigenes Auto: ein Opel Kadett Coupé in Dunkelgrün-Metallic.

 

Die Zwei von der Tankstelle

Unvergessen sind vielen Kunden die Jahre ab 1990, als "die Zwei von der Tankstelle", Klaus Umlauf und sein Kollege Jürgen Müller, ein unschlagbares Team bilden. Die beiden sind durchgängig gut drauf – man müsste eigentlich bei jedem Tankstellenbesuch Vergnügungssteuer zahlen. Nach dem Umbau der Tankstelle trennen sich im Jahr 2000 ihre Wege.

Vieles wird anders. Weil die Kunden vermehrt dazu übergehen, den Ölwechsel an ihren Fahrzeugen aus Gewährleistungsgründen in der Werkstatt machen zu lassen, nimmt Tankstellenbetreiber Herbert Schütt diese und weitere Dienstleistungen, die unter dem Fahrzeug stattfinden, aus dem Programm. Nach dem Umbau 1999 hat die Tankstelle keine Hebebühne mehr.

Für den Reifenwechsel braucht der Klaus jetzt einen Wagenheber. Durch den Wegfall der hydraulischen Hubeinrichtung, mit deren Hilfe man in Augenhöhe arbeiten konnte, wird der Reifenwechsel zur bodennahen Tätigkeit, die im Laufe der Zeit schwer auf die Knochen geht, vor allem auf den Rücken.

 

Acht Wagenwäschen an einem Samstag

Statt zum Ölwechsel kommen die Kunden jetzt zur Wagenwäsche. Freitags und samstags ist „Waschtag“, und an manchen Samstagen schafft Klaus Umlauf bis zu acht Autos. Innen und außen, alles von Hand, picobello. Danach ist er platt.

So verlagert sich das Berufsbild des klassischen Tankwarts immer mehr. Die neu hinzugekommenen Tätigkeitsfelder sind neben der Wagenwaschanlage der vergrößerte Verkaufsraum mit frischen Backwaren und Kaffee, die Kasse, der neue Hermes-Shop und die einwandfreie Müll-Sortierung.

Der Spaß an Autos und die ganze "Frickelei", die 1971 den Ausschlag für seine Berufswahl gegeben haben, treten immer mehr in den Hintergrund. Die Autos werden mit jedem Modelljahrgang komplizierter, selbst der früher einfache Wechsel einer Glühbirne ist heute eine Doktorarbeit.

Klaus Umlauf übernimmt auch die neuen Aufgaben mit permanent guter Laune und der gewohnten Zuverlässigkeit. Er ist längst so etwas wie das personifizierte "Schweizer Taschenmesser" an der Tankstelle geworden.

Morgens um 4.15 Uhr steht er jetzt an Werktagen neben seinem Bett. Um 6 Uhr öffnet die Tankstelle, davor hat er schon die Zeitungen einsortiert, die belegten Brötchen in der Theke arrangiert und den Verkaufsraum auf Vordermann gebracht.

 

Klaus Umlauf

Auto ist nicht gleich Auto, und manche machen einfach mehr Spaß. Auch wenn man sie nur waschen darf. // Foto: privat

Wie viele blaue Latzhosen, sein Markenzeichen, er im Laufe seines Berufslebens verschlissen hat? Klaus Umlauf lacht schallend über die Frage, dann schüttelt er den Kopf. Unzählbar. Die Arbeitskleidung stellte übrigens immer ESSO.

In den 80er Jahren hat er sogar mal eine Mütze getragen. Hat aber nicht lange gedauert, die Phase. Er hätte auch einen Kittel haben können wie sein Chef Peter Schumacher. Oder einen Overall. Wollte er aber nicht. Immer Latzhose. „Ich musste ja arbeiten“, sagt er.

 

Der Mann steckt voller Pläne - sagt seine Frau

Bleibt in so einem Beruf Zeit für Hobbies? Das letzte ist lange her. Klaus Umlauf verschwindet im Nebenzimmer und kommt mit einer ziemlich alten Marschtrommel zurück. Zehn Jahre lang, vom achten bis zum 18. Lebensjahr, war der Klaus immer dabei, wenn der Trommler- und Spielverein 1913 Baesweiler ausrückte und „et Trömmelche“ ging.

"Immer lustig, fleißig und hilfsbereit - so habe ich Klaus in all den Jahren erlebt. Ich werde Dich vermissen und wünsche Dir von ganzem Herzen alles Liebe und eine tolle Zeit im lang ersehnten Ruhestand."

Ruth Schlachheit
Kollegin seit 1999

 

Ein Cousin war bei den Fanfarenbläsern und hatte ihn infiziert. Klaus („Fanfare war nichts für mich, ich wollte draufhauen.“), fand die mobile Snare-Drum spannender. Karneval, Schützenfest und die Kirmes wurden die kulturellen Höhepunkte im Jahr. Sogar im Aachener Kinderzug ist er mal mitmarschiert.

In der Küche hängt eine Tafel, auf der seine Frau Gisela die Tage aufschreibt, bis sie ihren Klaus endlich ganz für sich hat.

Weiß er schon, was er am 1. Februar macht? "Erst mal ausschlafen und dann Sektfrühstück", sagt er, muss aber bei dem Gedanken selber lachen.

Wenn man auf längerfristige Projekte zu sprechen kommt, fällt für einen Tankwart auffallend oft das Stichwort „Fahrrad“. „Der Vennbahnradweg ist mir am Wochenende zu voll“, hat er festgestellt und freut sich, dass er und seine Gisela künftig auch mal mitten in der Woche die E-Bikes auf den Autoträger laden und losziehen können. Der künftige Rentner steckt voller Tatendrang. „Jeden Abend erzählt er mir, wo wir überall hinfahren müssen“, berichtet seine Frau lachend.

 

Vor der Fahrt nach England eine "Linksfahrstunde"

Im Mai geht es mit dem Auto nach England in die Nähe von London, wo eine Tochter seiner Frau wohnt. Als vor ein paar Tagen Fahrlehrer Gehlen an der Tankstelle vorbeikam, hat der Klaus ihn todernst gefragt, ob er ihm nicht vorher nochmal eine „Linksfahrstunde“ geben könne. Der Mann war ziemlich fassungslos.

Der „Klassiker“ jeder Tankstelle ist in seinem Berufsleben mehr als einmal vorgekommen. Sogar ein in Aachen weltberühmter Architekt unterbrach abrupt den Tankvorgang und sprang mit den Worten „Die ist gerade frei - ich fahr schnell in die Waschstraße“ in seinen Wagen. Es gab ein kurzes, hässliches Geräusch – dann gingen Zapfpistole und Schlauch getrennte Wege.

Klaus Umlauf

"Darf's noch irgendwas sein?" - Nur noch eine knappe Woche werden die Kunden Klaus Umlauf so wie auf diesem Bild an der Tankstelle erleben können. // Foto: privat

 

Unübertroffener närrischer Höhepunkt seines Berufslebens ist bis heute aber jener Vorfall an der Jülicher Straße, als Klaus Umlauf an einem warmen Sommertag die Frontscheibe eines Wagens mithilfe eines speziellen Schwammes von Mücken-Rückständen befreit hatte und auf dem Weg zurück zum Eimer stolperte.

Dumm war nur, dass die Fahrerin die Seitenscheibe geöffnet hatte. Anschließend war auch ihr Gesicht mückenfrei.

 

"Die Ärzte sind zu mir gekommen"

Im Mai wird Klaus Umlauf 64, und wenn man davon 48 Jahre mit Autos und deren Fahrerinnen und Fahrern zu tun hatte, drängt sich die Frage auf: Hat er keine Angst, dass ihm etwas fehlen wird? „Nein“, schüttelt er den Kopf, und auf einmal wirkt er dann doch ein bisschen müde.

Viele Dinge in seinem Arbeitsalltag, über die er bisher nie nachgedacht hat, fallen ihm zusehends schwerer. Das Alter klopft auch bei ihm freundlich aber bestimmt an, und das Gefühl, die körperliche Arbeit langsam etwas zurückfahren zu müssen, nagt an ihm.

Nicht, dass es konkret Anlass zur Sorge gäbe. Viele Mediziner waren an der Tankstelle seine Kunden, die letzten Jahre hat er quasi unter ärztlicher Aufsicht gearbeitet. „Ich war nie beim Arzt, die sind immer zu mir gekommen“, sagt er lachend. Aber irgendwann muss es einfach mal gut sein.

Am Freitag, dem 31. Januar, hat Tankwart Klaus Umlauf seinen letzten Arbeitstag. Er wird wie immer um 4.15 Uhr aufstehen, eine Stunde später an der Tankstelle die Zeitungen reinholen und einsortieren, sich wie jeden Morgen einen Kaffee machen und die belegten Brötchen in die Auslage einräumen.

Gegen 14 Uhr wird er die Tankstelle zum letzten Mal als Angestellter verlassen und ab dann nur noch als Kunde vorbeischauen. Das war's dann. Endgültig.

Und die ESSO-Tankstelle an der Lütticher Straße ohne den Klaus?
Man kann es sich einfach nicht vorstellen.

 

Alle Texte und Bilder auf dieser Seite sind urheberrechtlich geschützt.

Eine Weitergabe des Links auf diese Seite ist ausdrücklich erwünscht.

 

Wollen Sie nichts mehr verpassen?

Schicken Sie mir formlos eine Mail an nachschlag[at]ulrich-simons.de,
und ich nehme Sie in meinen Verteiler auf.

 

© Ulrich Simons
Redakteur - Fotojournalist

Uli Simons - spacer15
Uli Simons - spacer15